Venedig 2010

Mit dem Liegerad über die Alpen


Nachdem wir im letzten Jahr die europäische Nordseeküste mit den Liegerädern unsicher gemacht hatten, kam dieses Jahr eine gewisse Sehnsucht nach Bergen und Gipfeln in uns auf. Der Bikeline Radführer „Via Claudia Augusta“ stand schon geraume Zeit im Bücherregal und staubte langsam ein. Es war Zeit etwas dagegen zu unternehmen.

Die eigentliche Via Claudia beginnt in Augsburg. Da wir aber von zu Hause aus starten wollten, beschlossen wir am Bodensee entlang nach Österreich und dort über den Arlbergpass zu fahren, um dann in Landeck auf die Route der Via Claudia zu stoßen.
Im Nachhinein überraschte uns die "Leichtigkeit" mit der wir die gesamte Tour mit den Liegerädern meisterten, galt es doch einige Höhenmeter zu überwinden. Hier war sicherlich noch etwas Restfitness von unserer 100Tage Tour aus dem Vorjahr im Spiel. Die Wagequalität war durchgehend gut bis sehr gut. Strecken die nicht so gut waren, wie z.B. unbefestigte Waldwege, konnten wir auf parallel verlaufenden Fahrstraßen umgehen. Der Verkehr hielt sich allgemein in Grenzen. Am Arlbergpass war er aber recht dicht. Es gibt im ersten Teil des Aufstiegs schmale Passagen, die neben den Autos kaum Platz zum fahren lassen und seitlich von Leitplanken begrenzt sind. Hier kann man nicht anhalten und muss die Strecke an einem Stück durchfahren.
Der Rechenpass wird wegen dem hohen Verkehrsaufkommen nicht zum Radfahren empfohlen. Hier sollte man auf den wesentlich ruhigeren Finstermünzpass ausweichen, der von Martina in der Schweiz aus nach Nauders führt. Ist man am Reschensee angekommen, dann geht es bis Meran nur noch bergab und danach ohne nennenswerte Anstiege weiter durchs Etschtal. Die empfehlenswerte Variante über den Kälterer See ist jedoch mit einem längeren Anstieg verbunden. Von Trient nach Pergine sollte man einen stark befahrenen und steilen Anstieg mit dem Zug überbrücken. Danach wird es wieder bergiger und man verlässt das Brentatal auf einer steilen Passstraße von Primolano nach Fastro. Die Proseccostraße wird dann wieder hügeliger, bevor die Gegend vor Venedig dann wieder recht flach wird.

Dauer 14 Tage Fahrt / 1 Tag Pause
Entfernung gesamt 764 km
Entfernung Durchschnitt pro Tag 54 km
Höhenmeter gesamt 4926 m
Höhenmeter Durchschnitt pro Tag 352 m
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Reisebericht

Mit dem Liegerad über die Alpen

Los ging es an einem sonnigen Sonntag im August. Nach kurzer Nacht und anfänglichen Startschwierigkeiten (wir hatten viel zu spät mit den Vorbereitungen begonnen) erreichten wir abends unser erstes Etappenziel in Überlingen. Auch diese Nacht war kurz, was an mehreren Faktoren lag: Gewitter, Hitze, klappernde Bahnschranken, ratternde Züge, pubertierende Jünglinge mit extremem Balzverhalten. Gegen 1:00Uhr morgens kehrte mit unserer Mithilfe Ruhe ein und wir konnten doch noch schlafen.
Weiter ging es am Bodensee entlang nach Lindau. Das Wetter zeigte sich Tagsüber freundlich, gegen Abend wurde es dann wieder nass. Das bedeutete, dass wir unser Zelt im Regen aufstellen mussten. Der empfehlenswerte Campingplatz in Lindau-Zell bietet ein nettes Restaurant, in welchem wir einen gemütlichen Abend verbrachten.

Wegen anhaltender Regenfälle, verzögerte sich der Aufbruch am nächsten Tag bis 13:00Uhr. Den unfreiwilligen Aufenthalt konnten wir uns in dem tollen Campingplatzrestaurant versüßen. Trotzdem sank die Stimmung rapide. Wenig Schlaf, viel Regen und Kälte hinterließen schon jetzt ihre Spuren, obwohl die Reise doch erst begonnen hatte. Wegen des Dauerregens fuhren wir an diesem Tag nur ein paar Kilometer weiter nach Bregenz.

Am nächsten Morgen zeigte sich endlich wieder die Sonne. Hinter Bregenz stießen wir auf einen Radweg, der uns mit Blick auf die Berge Vorarlbergs relativ flach bis Bludenz führte. Hinter Bludenz ging es dann stetig bergauf. Kurz vor Wald am Arlberg wurde der Radweg zu einer steilen Schotterpiste. Wir wichen kurzerhand auf die wenig befahrene Fahrstraße aus, nicht minder steil aber wesentlich angenehmer.
Zwei Nächte verbrachten wir auf dem Campingplatz in Wald am Arlberg, da das Wetter in Dauerregen umgeschlagen hatte. Der Campingplatz ist hauptsächlich auf Wintercamping ausgelegt und war deshalb ziemlich ausgestorben. Die nette Campingplatzbetreiberin war sehr besorgt um uns und bot uns mehrmals an im hauseigenen Matratzenlager zu nächtigen. Sie konnte gar nicht verstehen, wie man in so einem kleinen Zelt hausen konnte. Und dann auch noch bei diesem Wetter.

Die Moral der Truppe litt schwer unter dem Dauerregen. Der weibliche Teil der Truppe moserte jetzt des Öfteren herum und stellte Überlegungen an die ganze Aktion abzubrechen, da das ja schließlich Urlaub sei und ein klitzekleines bisschen Spaß wohl nicht zu viel verlangt wäre. Es wurde ein Kompromiss vorgeschlagen: Weiterfahrt bis Stuben am Arlberg, dort Übernachtung im Hotel. Wenn das Wetter sich dann nicht bessert, fahren wir zurück nach Hause.
Gesagt getan. Die 9 Kilometer nach Stuben waren kein Zuckerschlecken. Immer bergauf, Regen, Kälte und dann mussten wir noch durch einen längeren, stark befahrenen Tunnel, in dem es höllisch laut war. Hinterher stellte sich heraus, dass wir den Tunnel hätten umfahren können. Naja, im Tunnel war es wenigstens trocken.
In Stuben nahmen wir uns ein schönes Zimmer im Sporthotel Arlberg, was den weiblichen Teil der Truppe wieder etwas mit der Situation versöhnte. Von unserem Fenster aus konnten wir die Passstraße sehen und ein paar Radfahrern beim Anstieg zuschauen. Wir fassten wieder neuen Mut.

Es hatte endlich aufgehört zu regnen. Nach gutem Frühstück und einer netten Unterhaltung mit der Hotelchefin die sich für die Liegeräder interessierte, ging es dann los. Auf der Passstraße war reger Verkehr, was aber keine Probleme bereitete. Der Arlbergpass ließ sich gut mit dem Liegerad befahren, zumindest von Westen nach Osten. Der Anstieg ist in dieser Richtung mit durchschnittlichen 10 Prozent Steigung nicht so steil. Nach ca. 1,5 Stunden, inklusive einiger Verschnauf- und Fotopausen, war es dann soweit: Wir hatten die Arlbergpasshöhe erreicht. Der Vorplatz des Restaurants wurde mit Radiomusik beschallt. Bei unserem Eintreffen lief sinnigerweise „We are the champions“ von Queen. Ein bisschen fühlten wir uns auch so.
Nach einer Pause und den obligatorischen Beweisfotos machten wir uns dann an die Abfahrt Richtung Prutz. Weil wir Angst hatten die Bremsen zu überhitzen, hielten wir öfters an. Ein Riesenspaß war es trotzdem.

Am nächsten Tag ging es dann weiter zum Altfinstermünzpass, am Reschenpass, vorbei über Martina in der Schweiz, nach Nauders in Österreich und dann weiter hinauf nach Reschen in Italien. Die Fahrt über die Passstraße war ruhig und verkehrsarm. Hauptsächlich Radfahrer waren hier unterwegs. Auch der Anstieg von Nauders nach Reschen war auf schönen Radwegen sehr gut zu fahren. Am Reschensee angekommen wurde natürlich eine ausgiebige Fotopause eingelegt. In St. Valentin auf der Haide schlugen wir unser Zelt auf, was uns gerade noch gelang bevor sich ein Gewitter entlud.

Kaum zu glauben! Der Himmel war strahlend blau, die Sonne schien und wir fuhren mit den Liegerädern vom Reschensee vorbei am Haidersee, durch den Vinschgau hinab nach Meran und weiter bis Vilpian. Eine Abfahrt wie aus dem Bilderbuch, mit Blick auf das Ortler-Massiv. Der Radweg durch den Vinschgau ist ein Traum. Er verbindet Komfort und landschaftliche Schönheit auf perfekte Weise.

Nach Meran traf die Route auf den Etschradweg, wo immer wieder mit Weinreben überdachte Rastplätze zur Pause einluden.
Nachdem wir für eine Übernachtung auf dem Campingplatz in Vilpian (Arbeitstitel Willipan) stolze 22 Euro für ein noch freies Fleckchen neben einem Geräteschuppen zurücklassen mussten, ging es auf dem “Etsch-Radhighway“ weiter bis Sigmundskron. Wir entschieden uns hier für eine Variante über den Kalterer See und trafen dann bei Auer wieder auf den Radweg entlang der Etsch. Der Abstecher lohnt sich um das sehenswerte Kaltern zu besuchen. Man sollte aber nicht, so wie wir es taten, den extrem steilen Berg über Girlan wählen. Übernachtet hatten wir in Gardolo, wo wir uns mangels Campingplatz ein sehr schönes Zimmer bei einem Obstbauern gönnten. Hier einfach am Radweg den Übernachtungsschildern an der Brücke in den Ort folgen.

Weiter ging es nach Trient. Dort bestiegen wir den Zug um die Strecke nach Pergine zu überbrücken, die laut Radführer sehr steil, stark befahren und schlecht ausgeschildert war. In der Vergangenheit war es immer so, dass sich Züge und unsere Liegeräder nicht besonders gut vertragen hatten. Diesmal ging alles erstaunlich glatt, obwohl das Fahrradabteil nur über drei steile Stufen erreichbar war. Die Zugbegleiterin bestand darauf, dass wir die Räder an die dafür vorgesehenen Haken hängen, obwohl das gesamte Abteil nur von uns besetzt war. Nach einigen Mühen gelang es uns, die Fahrräder an den vorgesehenen Platz zu hieven. Dafür versauten wir den schönen Zugboden mit rostigem Wasser, welches aus den Lenkern tropfte und von der Zugbegleiterin kritisch beäugt wurde. Vom Bahnhof in Pergine fuhren wir weiter an den Lago di Caldonazzo. Bei schönem Wetter gönnten wir uns einen Tag Pause.

Die vielgerühmte Schönheit des Brenta Tals blieb uns versagt, da wir nur Regenwolken zu sehen bekamen. Nachdem wir unseren letzten Anstieg dieser Tour auf der Passstraße von Primolano nach Fastro überwunden hatten, ging es nach Feltre und weiter nach Treviso über die Proseccostraße, einer Gegend mit sanften Weinhügeln. In Treviso kamen wir nach heftigen Regenfällen völlig durchnässt an und fanden ein kleines Hotel (Campeol) mitten in der Stadt, das keine Probleme mit uns tropfenden Gestalten auf komischen Fahrrädern hatte.

Die letzte Etappe Richtung Venedig, konnten wir bei strahlendem Sonnenschein bestreiten. Das Wetter sollte dann auch glücklicherweise bis zum Ende der Tour so bleiben. Landschaftlich eher unspektakulär, radelten wir auf ruhigen und ebenen Straßen nach Mestre. Dort angekommen suchten wir einen Campingplatz auf, um ihn direkt am nächsten Morgen wieder zu verlassen. Wir zogen auf den nächsten um, der um Klassen sauberer war und viel freundlichere Gastgeber hatte. Eines hatten aber beide Gemeinsam: Entsetzlich hungrige Herden von Stechmücken.
Venedig eroberten wir ohne Fahrräder und genossen den Charme dieser außergewöhnlichen Stadt. Wir hatten von vielen Leuten im Vorfeld gehört, dass sie von Venedig enttäuscht waren, da alles so teuer und schmutzig gewesen sei. Das Bild das sich uns von Venedig bot, war ein anderes. Wir genossen den besonderen Flair der Stadt sehr.
Am Tag der Abreise fuhren wir abends mit den Liegerädern über den Damm nach Venedig, da von dort der Nachtzug zurück nach Deutschland fuhr. Die einzige Verbindung zum Bahnhof führte über eine Fußgängerbrücke über den Canale Grande. Alternativ war eines der Boote zu benutzen. Wir wählten die Brücke, die wir mit unseren Rädern eigentlich nicht verwenden durften. Ein berechtigtes Verbot, da die vielen Stufen nur schwer zu überwinden waren.
Da wir sehr frühzeitig am Bahnhof ankamen, setzten wir uns, wie viele andere Touristen auch, auf die breiten Bahnhofstreppen und genossen ein letztes Mal den Trubel am Kanal.
Die 13 stündige Rückreise war in dem engen, voll besetzten und stickigen Abteil nicht besonders Angenehm, bot aber ausreichend Gelegenheit die Reise noch einmal Revue passieren zu lassen.

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